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Aufstieg und Fall eines hippen Star-Kochs

Aufstieg und Fall eines hippen Star-Kochs

Happy days with the naked Chef

Wie ein Popikon zog Jamie Oliver vor mehr als 20 Jahren witzig und frech in die gediegene englische Kochszene und mischte diese mit Lust und Leichtigkeit so richtig auf. Das war ansteckend und neu. Ein junger Mann revolutionierte im zarten Alter von nur 24 Jahren die (Gastronomie)Küchen und schoss auf allen Medienkanälen so dermaßen schnell in die Höhe, dass man kaum hinterherkam. Mit exakt „Happy days with the naked Chef“ fing für mich alles an, das war 2002, von da an wurde ich zum Fan.

Der Tanz auf allen Kanälen

Ich erinnere mich noch gut daran, wie schnell sein Wirken omnipräsent wurde und das im Affenzahn: zig TV-Sendungen in den letzten 20 Jahren, unzählige DVD-Produktionen, zig Bücher mit zweistelliger Millionen-Gesamtauflage, allesamt der Hit, zumindest für damalige Zeiten, große, sehr medienwirksame Aktionen zum Thema „Gesunde Ernährung“ für britische Kids und nicht zuletzt einzigartige, soziale Engagements in und um Great-Britain für sozial-schwache Menschen. Ganz zu schweigen von den vielen Restaurants und einer Restaurantkette, die sein Lebenswerk komplettierten. Teils in Eigenregie, teils als lukrative Franchise-Unternehmen verpachtet. So rollte der Rubel an allen Ecken.

Das Phänomen aller multimedialen Starköche

Jamies Gesamtkunstwerk in zwei bis drei Sätzen zu umreißen, reicht nicht annähernd, um den Erfolg eines Rebells, eines Träumers, eines innovativen Kochs, eines Aktivisten, eines Geschäftsmannes, eines Visionärs durch und durch, und einem, der den Mut aufbrachte, ein Imperium von über 30 Restaurants plus umfangreicher Bibliothek eigener gedruckter Werke millionenstark und medienwirksam auf den Markt zu werfen, zu beschreiben. Dieses Phänomen setzte sich später mit vielen anderen ähnlich erfolgreichen Köchen fort.

Eine beispiellose Karriere

Lizenzverträge mit Kochgeräteherstellern sorgten für noch mehr Käufer, noch mehr Fans und diese ließen die Kassen des Starkochs erst richtig klingeln, als der Zenit der Gewinnkurve schon längst als erreicht galt. Auf diesem Weg zu einem der reichsten Menschen in England zu avancieren, nahm seine beispiellose Karriere einen beachtlichen Lauf.

Das kleine 1×1 der Selbstvermarktung

Jamie Oliver, für mich nach wie vor ein Genie und einer, der die Selbstvermarktung so dermaßen gut beherrschte, wie kein anderer, löste bei sehr vielen Menschen Suchtverhalten aus. Multimedial und live und in Farbe. Mit seinem Kampf gegen Fastfood in Schulen, zuckerfreien Getränken für Kids und dem konsequent, regional präferierten Einsatz von Lebensmitteln aus der nahen Umgebung, baute der Starkoch Dank auch SocialMedia und Youtube eine riesen Fangemeinde auf.

2017 – Der Anfang vom Ende

Und nun das. Ein bröckelndes Imperium mit dem zu erwartenden Aus – absehbar bereits seit längerem. Schon in 2018 mussten einige Restaurants seiner Kette „Jamie‘s Italian“ schließen. Mehr als 1.900 Mitarbeiter beschäftige sein Unternehmenskonsortium, wovon 1.300 nun entlassen werden.

Mit einer zweistelligen Millionensumme aus der privaten Schatulle stützte Jamie Oliver 2017 zwar nochmals die wirtschaftlich schwer angeschlagene Gesellschaft und wendete das große Aus im letzten Jahr so gerade ab. Doch Dienstag wurde offziell bekannt, die Insolvenz sei unabwendbar.

Für mich als großer Jamie Oliver Fan…

… geht eine Ära zu Ende, eine unnachahmliche aus den 90ern und dem ersten Jahrzehnt im neuen Jahrtausend. Dass ihm nun am Ende die Insolvenz bleibt, ist bitter. Bitter deshalb, weil ein beachtlicher unternehmerischer Erfolg von über 20 Jahren – nicht ganz plötzlich – vor dem Aus steht. Die Luft ist raus und Platz muss her für Neues. Flankierende, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen von mehr und mehr mangelndem Mix an attraktiven Konzepten in den Citylagen der Großstädte mit Gastronomie, Einzelhandel und Amusement tragen ihr Übriges bei.

Ob Jamie Oliver jedoch so innovativ, so revolutionär wie einst nochmals ganz neu denken kann und will, wie als junger Pionier der Branche, wer weiß. Vielleicht reicht ihm der zufriedene Blick zurück auf sein Gesamtwerk der zwei Dekaden auch, wenn dieser Abschnitt juristisch hinter ihm liegt. Bei der Vorstellung seines neuen Kochbuchs “Jamie kocht Italien” meinte er jedenfalls vor ein paar Monaten noch: “Ich hätte mir das hier alles nie träumen lassen…”

Richtig, so was kann man nicht träumen – er hat es einfach gemacht.

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